KI_TAGE Halle 2026: Womit verdienen wir in fünf Jahren noch Geld?
Ähnliche Beiträge
Meistgelesen
Neueste Beiträge
- Pickware AI Agents: Prüfungen und Berichte laufen im Hintergrund
- Shopware 6 Updates: Alle Änderungen im Überblick
- Erweiterte Eigenschaftensuche: Wie wir die Werte-Suche in Shopware 6 nachgebessert haben
- FAQ Professional 2.0 – Relaunch mit Statistik, Bewertung und KI-Ready-Schema
- Gewährleistungshinweis und GARAN-Label ab 27.09.2026
Kategorien
Am 5. November waren wir bei den KI_TAGEN im MMZ in Halle (Saale), für uns also eine Konferenz vor der eigenen Haustür. Acht Vorträge standen auf dem Programm, durch den Tag führten Michael Carl und Mathias Harrassowitz von Carls Zukunft. Um neue Werkzeuge ging es dabei kaum. Fast alle haben über die Einführung im Betrieb gesprochen und darüber, was sich am Ende rechnet. Auf geht’s, hier ist unsere Einordnung.
Wer auf der Bühne stand
Die Keynote hielt Wolf Brüning, der seit 15 Jahren bei OTTO arbeitet und dort das UX-Design leitet. Er sprach über die Demokratisierung der Softwareentwicklung und war der erklärte Optimist des Tages. Stefan Groschupf war per Video aus San Francisco zugeschaltet. Der gebürtige Hallenser hat Datameer gegründet und führt heute Centrum AI. Für die Stadt sprach Oberbürgermeister Dr. Alexander Vogt. Jacqueline Köppen und Yannick Büchle kamen von der Hypoport hub SE, Dr. Stefan Hennig von ACP und Eric Tessenow von Kieback & Peter. Johannes Kanthak und Andreas Kerndt haben aus ihren Kundenprojekten berichtet.
Am meisten mitgenommen haben wir von Hypoport und von Johannes Kanthak.
Hypoport: 2.200 Mitarbeitende und jede Schulung ausgebucht
Jacqueline Köppen und Yannick Büchle kümmern sich bei Hypoport seit zweieinhalb Jahren um die Einführung von KI. Angefangen hat es im Mai 2024. Damals nutzten Beschäftigte ChatGPT bei der Arbeit, was mit dem Datenschutz nicht vereinbar war, und die IT hat mit HypGPT ein eigenes System aufgesetzt. Inzwischen gibt es Lizenzen für ChatGPT Enterprise, Claude und Microsoft Copilot. Die Schulungen dazu waren jedes Mal ausgebucht.
Genutzt wird KI im Unternehmen trotzdem weniger als erwartet. Köppen und Büchle haben zwei Gründe genannt. Wer geschult ist, kommt in ein Team zurück, in dem die anderen es nicht sind. Und die Führungskräfte haben bei einer 60-Stunden-Woche keine Zeit, sich darum zu kümmern, gerade in den Bereichen, in denen KI am meisten bringen würde. Auch die KI-Champions in den Tochtergesellschaften haben daran wenig geändert. Sie sollten „etwas mit KI machen“ und alle mitnehmen, neben ihrer eigentlichen Arbeit.
Hypoport setzt deshalb jetzt bei der Geschäftsleitung an. Sie wählt eine von vier Stufen: Aufgaben unterstützen, Abläufe neu gestalten, Standardfälle an KI abgeben oder das Geschäft neu gestalten. Vorher hatte das Management zwei Monate lang jede Woche an einem KI-Zielbild gearbeitet, das am Ende vor allem aus Text bestand. Die Führungskräfte füllen für ihren Bereich einen Canvas mit acht Feldern aus und stellen ihn alle zwei bis vier Wochen in der Runde vor. Eines der Felder fragt nach dem Effekt auf das Ergebnis. „Ich weiß es nicht“ lassen die beiden dort als Antwort gelten.
Das Programm heißt SPARK. Nebenbei läuft im Unternehmen ein „KI November“ mit 25 kurzen Vorträgen von Kolleginnen und Kollegen, alle remote.
Uns hat gefallen, dass hier zwei Leute nach zweieinhalb Jahren gesagt haben, was nicht funktioniert hat. Das kommt auf Konferenzen selten vor.

Johannes Kanthak und die vier Arten von Arbeit
Kanthak sortiert Arbeit in Wissen, Urteil, Beziehung und Handarbeit. Unter Wissen fällt bei ihm alles, was nach bekannten Regeln immer wieder gemacht wird, also Angebote, Recherche oder Belegerfassung. Das erledigen künftig KI-Agenten, und Geld lässt sich damit dann nicht mehr verdienen. Übrig bleibt Wissen, das nirgends im Internet steht. Urteil gewinnt an Wert, weil jemand für die Entscheidung geradestehen muss, und Handarbeit auf wechselnden Baustellen bleibt sowieso.
Er hatte zwei Beispiele dabei. Ein Handwerksbetrieb lässt das Haus des Kunden von einer Drohne vermessen. Der Handwerker redet währenddessen mit dem Kunden und tippt dessen Wünsche ein. Der Kunde bekommt zur PDF eine Website mit einem 3D-Modell von Bestand und Planung, jedes Bauteil anklickbar und mit Preis.
Das zweite Beispiel war ein Architekturbüro, das für ein Konzept zwei bis fünf Wochen braucht. Das Büro hat die Daten aus alten Projekten anonymisiert und in eine Datenbank gepackt, ein KI-Agent erzeugt daraus die ersten Skizzen. Den Zugang zu dieser Datenbank verkauft es per Lizenz an andere Architekturbüros, technisch läuft das über einen MCP-Server.
Zum Handel hat Kanthak gesagt, dass das Standardsegment schrumpft und nur Premium und Economy wachsen. Er nannte Galeria mit den wiederholten Insolvenzen. Gegen den Onlinehandel und gegen KI-Agenten, die für Kunden einkaufen, habe ein Sortiment ohne Alleinstellungsmerkmal keine Chance. Die getroffene Aussage kommt aus unserer Sicht hin, und sie dürfte viele Onlineshops betreffen.
Am Rande erwähnte er, womit er selbst arbeitet. Es sind Codex und Claude Code, mit vier Lizenzen zu je 200 Euro.
Der Fahrradhändler und die Versandbestätigung
Andreas Kerndt hat einen Sprachassistenten vorgeführt, mit erfundenen Daten eines Fahrradhändlers. Ein Kunde ruft an und fragt, wo sein Paket bleibt. Er nennt Bestellnummer und Postleitzahl und erfährt, dass der Helm unterwegs ist und das Rücklicht in drei Werktagen folgt. Den Link zur Sendungsverfolgung gibt es per SMS. Ganz wichtig: Ein solcher Assistent muss sich am Telefon als Maschine zu erkennen geben, darauf hat Kerndt eigens hingewiesen.
Sein Vorgehen nennt er AOA, das steht für analysieren, optimieren, automatisieren. Vor jedem Projekt lässt er zehn Arbeitstage lang zählen, womit die Leute ihre Zeit verbringen. Zum Optimieren hatte er ein Beispiel aus dem Onlinehandel. Wenn die Versandbestätigung klarer formuliert ist, ruft wegen des Pakets kaum noch jemand an, und den Sprachassistenten braucht es für diese Frage dann nicht.
In dieselbe Richtung ging ein Beispiel von Dr. Stefan Hennig von ACP. Ein Logistiker wollte die Terminabsprache für Möbellieferungen von einer KI erledigen lassen und hat dabei festgestellt, dass ihn die Telefonate kaum etwas kosten. Teuer war die Ware, die ohne Termin im Lager stand. Die Lösung bestand am Ende darin, abends anzurufen, wenn die Empfänger zu Hause sind.
Kerndt erzählte auch von einem Mitarbeiter eines Kunden, der von KI wenig hielt. Der Mann hat dann für seinen Verein eine kleine Verwaltungs-Anwendung gebaut und wirbt seitdem im Unternehmen dafür.
Wer hat das eigentlich geprüft?
Eric Tessenow verantwortet bei Kieback & Peter die Informationssicherheit. Er hat den Saal zweimal um Handzeichen gebeten. Zuerst wollte er wissen, wer zuletzt ein verbindliches Dokument wie einen Vertrag oder eine Richtlinie mit KI erstellt hat, und es gingen viele Hände hoch. Bei der zweiten Frage, wer das Dokument danach geprüft hat, waren es deutlich weniger.
Tessenow behandelt eine KI wie einen neuen Mitarbeiter, der eingearbeitet wird und Zugriff auf Dokumente erst nach und nach bekommt. Zwei seiner Erfahrungen sind uns in Erinnerung geblieben. Seine KI hatte irgendwann unveröffentlichte Entwürfe für gelebte Praxis im Unternehmen gehalten, seitdem trennt er strikt zwischen dem Ist-Zustand und allem, was nur ausprobiert wird. Und eine KI, die ihr eigenes Ergebnis prüft, findet erwartungsgemäß wenig. Die Prüfung läuft bei ihm deshalb getrennt von der Erstellung.
Und die Stadt Halle?
Oberbürgermeister Dr. Alexander Vogt blieb bei dem, was in der Verwaltung zuerst kommen muss. Die E-Akte mit Dokumentenmanagement soll ab 2027 eingeführt werden. KI sieht er dort, wo eingehende Aufträge und Formulare automatisch geordnet und an die richtige Stelle weitergeleitet werden. Dass Digitalisierung für Kommunen als freiwillige Leistung gilt und entsprechend nicht finanziert wird, hat er ziemlich deutlich gesagt.
Unsere Empfehlung an unsere Kunden:
Aus den Vorträgen haben wir viel mitgenommen. Unseren Kunden würden wir unter anderem diese zwei einfachen Praxishinweise mitgeben:
Zählen Sie zehn Arbeitstage lang mit, welche Fragen in Ihrem Kundenservice ankommen. Vermutlich stehen Lieferstatus und Retouren weit oben. Ein Teil davon dürfte sich mit einer klareren Versandbestätigung erledigen, dafür braucht es keine KI.
Klären Sie außerdem, wer prüft bei Ihnen, was eine KI geschrieben hat. Das gilt für Angebote genauso wie für Produkttexte.
Kommentare
Noch keine Kommentare vorhanden.
Kommentar schreiben