Sterne-Bewertungen für Menschen – Mobbing per App?

Mal kurz ein Schwätzchen über den Zaun halten, andere Eltern beim Elternabend in der Schule kennenlernen oder die Nachbarn beim Gassi gehen mit dem Hund treffen – all diese völlig normalen Wege mit Menschen in Kontakt zu treten, scheinen in Kanada nicht weit verbreitet zu sein. Offensichtlich aber nicht im Umfeld der beiden Startup-Gründerinnen Julia Cordray und Nicole McCullough.

Die beiden nennen nämlich diese fehlenden Beziehungen als ein Motiv für das Erfinden ihrer neuen App „Peeple“. Dort können Menschen andere Menschen mit Sternen „bewerten“. So wie man Produkte und Service-Leistungen im Online-Shop bewertet.

Optimierungswahn am menschlichen Charakter

Als Erklärung für die Sinnhaftigkeit ihrer App benennen die Unternehmerinnen beispielsweise die Bewertung eines guten Babysitters in der Nachbarschaft oder das man als Eltern die Freunde der Kinder auschecken kann.

Persönliche Gespräche, Freundschaften und Empfehlungen mittels Mundpropaganda scheinen in einer Zeit, in der man alles, vom Restaurant über die Autowerkstatt bis zum Zahnarzt, im Netz beurteilen kann, nicht mehr up to date zu sein.

So weit, so schnurzpiepegal? Ein seltsames Geschmäckle hat die App aber doch. Ende November soll sie in den USA endgültig an den Start gehen und sorgt schon im Vorfeld für gehörigen Wirbel. Denn bis jetzt sieht das Konzept vor, dass jeder für jeden ein Profil anlegen kann. Die Handynummer zu kennen, reicht dabei aus. Man will sich gar nicht vorstellen, wie beispielsweise verprellte Ex-Partner die neuen Möglichkeiten nutzen könnten. „Positive“ Bewertungen (3 bis 5 Sterne) sollen sofort online gehen. „Negative“ (0 bis 2 Sterne) erst nach 48 Stunden.

Der Grund dafür: Der Bewertete wird in dieser Verschnaufpause vor der Veröffentlichung über die negative Bewertung informiert und kann, man mag es kaum glauben, die zugrunde liegenden Differenzen mit dem Beurteiler noch schnell aus dem Weg räumen. Wenn das nicht klappt, geht die negative Bewertung online und bleibt ein Jahr bestehen. Erst dann wird sie gelöscht. In diesem Jahr soll der arme Tropf Zeit haben, sich zum Positiven zu verändern.

Ein krasses Beispiel für einen Optimierungswahn des modernen Menschen, bei dem man sich ab sofort nicht mehr nur äußerlich vervollkommnet, sondern auch charakterlich „verbessert“?

People are People – Halleluja!

Übrigens, auch wenn man stolzer (und freiwilliger) Inhaber eines Peeple-Accounts ist, kann man die negativen Sterne nicht entfernen. Aber man darf sich dafür rechtfertigen. Halleluja! Beleidigende Kommentare sind bereits vorab in den Nutzungsbedingungen untersagt und können angeblich gemeldet werden. Ob die Kommentare dann entfernt werden, liegt allerdings in der Hand der Betreiber der Positivity-App, wie sie von den Gründerinnen liebevoll bezeichnet wird.

Klingt fast nach einer neuen Quelle für Hatespeech, der in den letzten Monaten vor allem bei Facebook um sich griff. Ob und in welcher Form die App, die im Übrigen jetzt schon mit 7,6 Millionen US-Dollar bewertet wird, an den Start geht und jemals den Weg in den deutschen App-Store findet, bleibt abzuwarten. Hoffentlich werden wir für diesen Artikel nicht negativ bewertet.

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